Die Kunst, dem Gegenüber die volle Aufmerksamkeit zu schenken.

Richtig Zuhören – vom Aussterben bedroht?

Zuhören ist Luxus. Es ist hektisch. Keiner hat mehr Zeit. Alles muss rasch gehen. Dinge müssen im Eiltempo erledigt werden. Ich muss mir augenblicklich Gehör verschaffen, sonst komme ich am Ende selbst nicht zu Wort.  Das ist der richtige Nährboden für Missverständnisse. Die Gesprächspartner trennen sich frustriert, einer ist auf den anderen böse. Im schlimmsten Fall war es das mit der Diskussionsbasis. Mit so einem Besserwisser gebe ich mich gar nicht mehr ab. Beiden war das Ego im Weg, keiner konnte dem anderen verständlich machen, was er wirklich (sagen) will.

„Denke immer daran: Wenn du etwas sagst, dann wiederholst du nur das, was du sowieso schon weißt. Aber wenn du zuhörst, dann kannst du noch Neues erfahren.“

Dalai Lama

Das eigene Ego zurücknehmen, dem anderen Raum geben, echtes Interesse zeigen. Die Worte des anderen nicht nur wahrnehmen, sondern durch Herz und Hirn fließen lassen. Nicht nur hören, sondern verstehen. Was will er wirklich? Was hat er zu sagen? Vielleicht vermute ich nur, es schon zu wissen. Vorannahmen können mächtige Hindernisse in der zwischenmenschlichen Kommunikation darstellen.

Vorannahmen – die schlimmsten Feinde der Kommunikation.

Der Gesprächspartner sagt einen halben Satz und wir denken: Genau! Alles klar! So ist das also! Wusste ich es doch! Schon ist er in einer Schublade verschwunden. Die Evolution hat uns dazu gezwungen, das Gegenüber rasch und richtig einzuordnen, um zu wissen, wie wir (re-)agieren sollen. Das mag in der Steinzeit beim Angriff des Säbelzahntigers noch angebracht gewesen sein, heute steht es uns oft im Weg. Klar werden die Dinge erst, wenn wir den anderen ausreden lassen, wenn wir nachfragen, ob wir ihn auch richtig verstanden haben. Dies ist keineswegs ein Zeichen von Dummheit, sondern sogar sehr klug, um Kommunikation gelingen zu lassen. In Beratung und Therapie heißt das „Aktives Zuhören“ (nach Carl Rogers, dem Begründer der klientenzentrierten Psychotherapie). Das bedeutet, sich dem anderen ganz zuwenden und ihn darin zu bestärken, seinen Standpunkt darzulegen.

Aktives Zuhören hilft

  • Empathie zu fördern
  • Missverständnisse zu vermeiden
  • die Beziehungsebene zu stärken
  • nicht zu beurteilen
  • die Problemlösungswahrscheinlichkeit zu erhöhen

Der Lohn der vollen Aufmerksamkeit: selbst besser gehört werden.

Grundvoraussetzung für aktives Zuhören ist, vor dem Gespräch alle Störfaktoren auszuschalten. Sorgen Sie dafür, dass niemand an die Bürotür klopft, der Kaffee schon rechtzeitig auf dem Tisch steht und kein Telefon läuten kann. Das sind die ersten Anzeichen dafür, dass Sie Ihr Gegenüber wertschätzen und Ihnen das Gespräch wichtig ist. Auf diese Weise kann eine vertrauensvolle Atmosphäre entstehen, in der Zuhören und Aussprechen erst möglich wird. Das Gute daran: je mehr und besser Sie zuhören, umso eher werden auch Sie gehört. Und noch etwas: die Meinung des anderen anzuhören, heißt nicht, dass Sie sie übernehmen müssen. Mit aktivem Zuhören und respektvollem Umgang mit dem „Gegner“ lässt sich jedoch auch ein Diskurs wesentlich leichter führen.

Das schönste Kompliment für eine Beraterin.

Wie bedeutend das aktive Zuhören ist, wurde mir ganz zu Beginn meiner Beraterlaufbahn klar. Eine meiner ersten Klientinnen betrat meine Praxis. Ich war „hungrig“, wollte zeigen, was ich in meiner Ausbildung alles gelernt hatte. Ausgeklügelte, systemische Fragetechniken, Skalierungsübungen, Visualisierungen, Externalisierungen, Reframing. Während des Gesprächs hielt mich eine innere Stimme jedoch davon ab, auch nur eine einzige dieser Interventionen anzuwenden.

„Sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und Anteilnahme (…) und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie gedacht hatte, dass sie in ihm steckten.“

„Momo“, Michael Ende

Ich lenkte meine volle Aufmerksamkeit auf die Gesprächssituation, nickte zuweilen verständnisvoll und hörte einfach zu. Am Ende der Beratungseinheit erklärte mir die Klientin freudig, dass sie endlich mehr Klarheit gewonnen habe und ich ihr dabei unheimlich geholfen hätte. „Aber ich habe doch gar nichts getan.“ lautete meine Antwort. „Eben.“ sagte die Klientin. Ich staunte nicht schlecht und habe mir das Erlebte gut gemerkt. Seither weiß ich, dass Zuhören beim Gegenüber einen Selbstreflexionsprozess in Gang setzt. Ein Grund mehr, manchmal den Mund geschlossen und die Ohren offen zu halten.

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Ohrenkaktus

Veronika Pavlicek. Kommunikationsexpertin. Authentizitätscoach. Survival Trainerin für die Seele.

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