Als vor sieben Jahren eine Sonnenblume traurig den Kopf hängen ließ

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Die Trauer der Sonnenblume

Vor genau sieben Jahren betrat ich – wie schon so oft zuvor – mit einer einzigen, großen Sonnenblume in der Hand auf leisen Sohlen ein Zimmer in einem Krankenhaus. Immer konnte ich Dir damit ein kleines, nur noch schwach wahrnehmbares Lächeln entlocken. Heute nicht. Da lagst Du. Bleich, blass, dünn, zerbrechlich und ich konnte nicht sagen, ob Du im Tiefschlaf warst oder ob die immer höher dosierten Schmerzmedikamente Dich fast schon bewusstlos gemacht hatten. Ich ließ Dich ruhen und ahnte tief in meinem Inneren, dass Du nicht mehr aufwachen würdest. Es war alles gesagt, alles besprochen und ausgesprochen. Da war nichts Unerledigtes mehr, nichts war offen geblieben. Die Details für Dein Begräbnis hattest Du mir schon vor Wochen mitgeteilt. Wen ich dazu einladen sollte, wie Dein Sarg auszusehen hat, welches Foto und welches Gedicht Du auf der Parte möchtest, wie die Kränze zu gestalten sind. Es war Dir wichtig, das alles zu regeln, solange Du noch dazu in der Lage warst. Ich schrieb alles auf. Tränen tropften auf meine Notizen. Doch ich tat es. Für Dich.

Tod du wirst meine letzte Liebe sein
du wirst mich nehmen und mich nie verlassen
du wirst mich treffen tief ins Innerste hinein
du wirst mich liebend ganz erfassen

 

Tod du wirst meine letzte Liebe sein
du wirst vermögen was sie hier nicht können
du wirst mich ganz von mir befrein
und alle Dinge wie sie sind benennen

 

Tod du wirst meine letzte Liebe sein
ich werde mich dir ohne Zögern schenken
in deinem Arm werd ich geborgen sein
und Liebe nichts als Liebe denken

 

Traute Foresti

Nachdem ich vorsichtig die Tür geöffnet hatte, stellte ich die Blume, die Du so gern hattest, in eine Vase mit frischem Wasser und fand einen Platz für sie direkt am Fenster, durch das an diesem Abend nur noch wenig Licht fiel. Dann nahm ich an Deinem Bett Platz. Selbst schon müde und erschöpft von vielen durchwachten Nächten, die ich bei Dir im Zimmer verbracht hatte. „Lass mich jetzt nicht allein,“ hattest Du gesagt, als Du noch sprechen konntest und meine Hand dabei ungewöhnlich fest gedrückt. Die Oberschwester sorgte dafür, dass ein zweites Bett für mich ins Krankenzimmer gestellt werden durfte. Es war schwer und leicht zugleich, Dich auf Deinem letzten Weg zu begleiten. Belastend und befreiend und all das zusammen. Bis heute spendet es mir unendlichen Trost, dass ich Deiner letzten Bitte, Dich am Ende Deines Lebens nicht alleine zu lassen, Folge geleistet habe.

Bis zum letzten Atemzug

„Es wird nicht mehr lange dauern,“ sagte die Schwester. Und ich wusste, dass ich über Nacht bleiben würde. Ich lag wach im Bett neben Deinem. Dein Atmen bestand nur noch aus rasselnden Geräuschen, die untrügliche Zeichen für das nahende Ende des menschlichen Lebens sind. In der Theorie hatte ich das im Sterbe- und Trauerbegleitungskurs gelernt. Da hatte ich noch keine Ahnung, dass ausgerechnet Du es sein würdest, die nur wenige Monate später diesen letzten Weg gehen würde. Das Wissen half, doch die Angst vor dem Verlust blieb. Zu eng war unsere Beziehung, zu nahe waren wir uns. Ich schob mein Ego zur Seite und lenkte meine Gedanken darauf, dass Dein so lange andauerndes Leiden nun bald zu Ende sein würde. Ich stand auf, tupfte Deine schweißnasse Stirn mit einem Tuch ab, nahm Deine Hand und hielt sie, bis Dein Atem nicht mehr wahrzunehmen war. Einen Moment des Abschieds verweilte ich noch so, bevor ich die Nachtschwester und den Dienst habenden Arzt rief. Es war 3 Uhr morgens, als das EKG die Null-Linie anzeigte. Du warst gegangen. Du, meine Mutter, die mir einst das Leben schenkte. Ich wusste, dass dieser Verlust auch mein Leben entscheidend verändern würde.

Nachricht im Morgengrauen

Ein paar Stunden ließ ich meinen alten Vater noch schlafen. Um sechs Uhr morgens musste ich ihm telefonisch die Botschaft vom Tod seiner langjährigen Ehefrau überbringen. Er war sehr gefasst, hatte es gespürt, damit gerechnet. Zwei Jahre hatte sie gegen die Krankheit angekämpft. Unzählige Operationen und Therapien über sich ergehen lassen. Bis zuletzt hatte sie auf Heilung gehofft. Ich versprach meinem Vater, dass ich mich um alles kümmern würde und beendete das Telefonat. Noch einmal betrat ich das Krankenzimmer. Es war schon hell geworden. Die Sonnenblume, die ich erst am Vorabend ganz frisch gebracht hatte, ließ den Kopf hängen. Als würde auch sie trauern.

Von der Trauer zum Vertrauen

Auch ich trauerte. Ich hatte nun keine Mutter mehr. Ich verlor die Frau, zu der ich die menschenmöglich nächste und tiefste Verbindung hatte. Obwohl ich bereits erwachsen war, hatte ich erst jetzt das Gefühl, es wirklich zu sein. Letztgültig abgenabelt. Auf mich selbst gestellt. Alleine mit meinen Entscheidungen. Heute, nach sieben Jahren, weiß ich, dass die eigene Mutter einen nie verlassen wird, auch wenn ihr irdisches Leben zu Ende ist. Ich darf mich noch immer geborgen fühlen in ihrer Liebe, die unsterblich ist. Ich spüre ihre Energie an Plätzen, an denen sie sich gerne aufgehalten hat. Und ich kann sie um Rat fragen. In der Stille der Natur gibt sie mir Antwort. Meine Trauer hat eine Transformation durchlaufen und sich in tiefes Vertrauen gewandelt. Heute ist der Umgang mit Trauer eines meiner Beratungsthemen. Hier kannst Du ein kostenfreies Gespräch mit mir buchen. Ich bin für Dich da, wenn Du mich brauchst.

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Ohrenkaktus

Veronika Pavlicek. Hellhörende Begleiterin durch Krisen. Vom Stachel zur Blüte. In Deine Kraft zurück. Expertin für den Zusammenhang zwischen Stimme und Seele.

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