Das Jahrzehnt der Verluste und Herausforderungen

Verlust und Verletzlichkeit

Heute – kurz vor dem 9. Todestag meiner Mutter am 31. August und rund zwei Wochen vor meinem Geburtstag am 14.9. – darf ich es aussprechen: die letzten nun schon fast 10 Jahre waren die schwierigsten und herausforderndsten meines Lebens. In der Rückschau erkenne ich deutlich, wie sehr sie von Verlusten geprägt waren. Heute schreibe ich es mir von der Seele, auch wenn mir viele davon abraten, mich so weit “hinaus zu lehnen” und mich so verletzlich zu zeigen. 

2011 stirbt meine Mutter nach langer, schwerer Krankheit. Vor zwei Jahren habe ich mein Erleben ihrer letzten Stunden in Worte gefaßt. (Hier nachzulesen). So sehr ich verstand, dass sie jetzt von ihren Schmerzen erlöst war, begriff ich auch sofort die Dramatik, dass mein Vater nun alleine in einem großen Haus mit Garten in einem kleinen Dorf im Weinviertel zurück gelassen war.

Liebe und Leid ganz nah beieinander

Noch im selben Jahr lerne ich auf einer Reise die Liebe meines Lebens kennen. Am anderen Ende der Welt. Hinter der Freude über dieses für mich völlig unerwartete Ereignis der Liebe auf den ersten Blick sehe ich sofort das Leid, das diese Beziehung mit sich bringen wird. Wir treffen uns einige Male „in der Mitte“, in Großbritannien.

Von vielen als Urlaubsflirt abgetan, hat unsere Liebe bis heute Bestand. Doch wir hatten sehr viel durchzustehen und der Weg ist noch nicht zu Ende. Kurz flackert ein Happy End auf. Ich stelle fest, dass ich schwanger bin und male mir gemeinsam mit meinem Partner verschiedene Szenarien aus, wie ein Familienleben für uns aussehen könnte.

2013 ein weiterer schwerer Verlust: ich erleide eine Fehlgeburt. Mein Freund kann mich nicht einmal tröstend in die Arme nehmen, da er bereits zurück in seinem Heimatland ist (die Visa-Bestimmungen schreiben eine maximale Aufenthaltsdauer von 3 Monaten vor).  Wir weinen gemeinsam am Telefon. Bei meinem nächsten Besuch lassen wir unser Kind in einem Abschiedsritual bewusst gehen, um alles verarbeiten zu können.

2015 folgt der Verlust meines Jobs als Radiomoderatorin. Jetzt bin ich auch noch arbeitssuchend. Der Markt zeigt mir sehr deutlich, dass ich nicht mehr „taufrisch“ bin. Ich versuche das Beste daraus zu machen und ziehe – zumindest bis ich wieder eine Arbeitsstelle habe, so denke ich – ganz zu meinem Vater, der immer pflegebedürftiger wird und den ich schon in den Jahren davor regelmäßig besucht und betreut habe (in meiner gesamten Freizeit könnte man sagen).

Neu starten mit Mitte 40

2016 Nach zahlreichen fehlgeschlagenen Bewerbungen trete ich aktiv den Weg nach vorne an – in die Selbstständigkeit. Ich beziehe eine Praxis in der Wiener Innenstadt und beginne voll Zuversicht ein Offline- und Online-Business aufzubauen. Doch so easy, wie viele behaupten und versprechen, ist das nicht, obwohl ich mit den noch verbliebenen Rücklagen relevant in Coaching (also in mich) investiere. Es braucht Zeit – und meine Energie, von der ich zu wenig für mich frei habe. Das Pendeln zwischen Weinviertel und Wien macht es nicht gerade besser.

2016 Mein Freund ist zu Besuch im Weinviertel. Bekocht meinen Vater und mich manchmal, hilft mir im Garten. Ein Alptraum beginnt, als er – aus mir bis heute unverständlichen Gründen – festgenommen wird. Untersuchungshaft, Gerichtsverhandlungen, Fremdenpolizei, Schubhaft und schließlich die Abschiebung in sein Heimatland. Eine rundum traumatisierende Erfahrung, über die ich lange sprechen könnte. Ende des Jahres besuche ich ihn in seinem Land (da er nun für lange Zeit nicht mehr einreisen darf). Seither haben wir uns nicht mehr gesehen. Reisen ist mir jetzt kaum mehr möglich. Meinen Vater kann ich nicht für längere Zeit alleine lassen. Außerdem sieht es finanziell gar nicht gut aus. 

Überforderung ist der Ruf nach Veränderung

2017 Ich muss etwas ändern. Die Betreuung meines Vaters bringt mich an und über meine Grenzen. Ich organisiere daher regelmäßige Betreuung durch eine Pflegeorganisation, besuche ihn aber weiterhin wöchentlich. Der Schritt war notwendig, denn die Belastung wurde zu groß und ich brauchte wieder Kraft für mich selbst. Ich habe das Glück, dass mich gute Freunde in Wien aufnehmen und kann mich nun besser dem Aufbau meiner Firma widmen.

2018 Mit meiner Selbstständigkeit habe ich es noch immer nicht „geschafft“. Die Freunde, die mich so selbstlos beherbergt hatten, bauen aus sehr nachvollziehbaren Gründen ein Haus und ziehen um. Ohne nachweisbares, regelmäßiges Einkommen ist aber am Immobilienmarkt niemand bereit, mir auch nur eine winzige Garconniere zu vermieten. Wieder naht auf wundersame Weise die passende Lösung: ich erhalte eine zentral in Wien gelegene Wohnmöglichkeit, im Gegenzug betreue ich ein Volksschulkind.

2019 In kleinen Schritten geht es voran mit meiner Selbstständigkeit. Neben eigenen KundInnen, die hauptsächlich für Einzelcoaching und Mentoring zu mir finden, assistiere ich Online Business-Expertinnen in ihren Programmen und unterstütze sie mit Texten, Gruppenmoderation und Community Management. Auf wundersame Weise finden Sprecheraufträge zu mir und ich bin froh, wieder mehr mit meiner Stimme arbeiten zu können. Weiterhin betreue ich fallweise das Kind und besuche meinen Vater – leider immer häufiger in diversen Krankenhäusern.

2020 Mein Vater feiert seinen 90. Geburtstag. Es wird augenscheinlich, dass er intensivere Betreuung benötigt. Nun dreht sich alles um Behördenwege, Befunde und Kontaktaufnahme mit Pflegeagenturen. Eine weitere OP und wenig ermutigende Diagnosen folgen. Die Suche nach geeigneten 24-Stunden-Betreuungspersonen läuft nach wie vor und ist nicht einfach. Inmitten dieser „Tour de Force“ entwickle ich eine neue Online-Membership, den „Unkaputtbar-Club“. Auch wenn viele mir von diesem Namen abraten: er bleibt, denn ich weiß, wovon ich spreche. 

Bekannte gehen, Freunde bleiben

Was manchmal schmerzt, ist, dass sich viele Menschen – sogar vermeintliche Freunde – von mir abgewendet haben. Sie können nicht verstehen, warum ich mir das alles “antue”. Ich kann sie nur ziehen lassen. Die wahren Freunde sind geblieben und es sind sogar neue hinzugekommen.

Nun naht mein eigener Geburtstag. Und mir wird ein wenig schwer ums Herz, wenn ich auf die letzten Jahre zurück blicke. Von der allerorts gepriesenen Leichtigkeit war da kaum etwas zu bemerken. Das Leben hat mir sehr viel abverlangt. Ich bin so gut wie möglich mit allen Herausforderungen umgegangen. Aus jeder Krise habe ich eine neue Kompetenz entwickelt. Ich habe Dinge gelernt, die ich so nie auf dem Radar hatte. Und doch hat sie mir das Leben geschickt. Annehmen, was ist – das habe ich als einen der wichtigsten Schlüssel für den Umgang mit schwierigen Lebenssituationen identifiziert. Die Annahme dessen, was – im Moment – nicht veränderbar ist, reduziert Stress und ist wesentlich förderlicher als Widerstand und Kampf. Auf der anderen Seite sollten wir unsere eigene Handlungsfähigkeit niemals unterschätzen. Es gibt so gut wie immer etwas, das wir tun können, etwa die eigene Einstellung verändern. 

Was ich heute weiß: die einzige Möglichkeit, nicht unterzugehen ist, niemals aufzugeben, unerschütterlich an sich zu glauben und immer wieder Zeit und Raum für sich selbst zu schaffen. Zur Regeneration. Zur Stärkung. Zum Sein. Dafür, sich selbst und seine Gefühle wahr und ernst zu nehmen. Und rechtzeitig gegenzusteuern, wenn es einmal zu viel wird.

Dieses Wissen und diese Strategien gebe ich nun gerne weiter, denn ich hatte das Gefühl, dass genau das jetzt besonders gebraucht wird. Im Rahmen meiner neuen Membership, die ich “Unkaputtbar-Club” genannt habe. Wer meine Geschichte kennt, wird den Namen nachvollziehbar finden. Hier kannst Du Dich näher informieren und zu einem fairen Preis buchen. Ich freue mich darauf, eine stärkende Community aufzubauen. Du bist nicht allein!

Zum "Unkaputtbar-Club"
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Ohrenkaktus

Veronika Pavlicek. Innere Stärke. Stabilität. Unkaputtbarkeit. Krisenkompetenz. Counseling. Mentoring. Walk & Talk. Radio Voice. Expertin für den Zusammenhang zwischen Stimme und Seele.

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